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San Sebastián de Garabandal

Ich bin’s, Paul!

So erzählte Jürgen Wetzel seine wahre Geschichte von Paul, der auf den kalten Steinen auf der Kirchentreppe von St. Jakob sitzt und, wie so oft, um Almosen bettelt. Vor dem Gottesdienst öffnet er den Besuchern die schwere Kirchentür und lächelt sie mit seinem fast zahnlosen Mund freundlich an. Seine erst 55 Jahre sieht man ihm nicht an, denn er gehört zu der Schar der Obdachlosen, die ums tägliche Überleben kämpfen. Sein Körper ist ausgemergelt, nicht nur von Kälte und Hunger, sondern vor allem durch den Alkohol. Er sieht daher viel älter aus, als er in Wirklichkeit ist.

Oft denkt er, wenn er doch nur die Kraft finden könnte, um gegen diese Sucht anzukämpfen und nimmt sich immer wieder vor, mit dem Trinken aufzuhören. Wenn aber dann der Abend kommt und mit ihm wieder die Erinnerung an seine Familie, die er bei einem tragischen Unfall verloren hatte, greift er zur Flasche und betäubt so die Leere seiner Seele, wenn auch nur für kurze Zeit. Die tägliche Weinflasche wurde so zur treuen Begleiterin und die Leberzirrhose und andere Krankheiten zehren an der Substanz seines geschwächten Körpers. Die fahle Farbe seines zerklüfteten Gesichts läßt nichts Gutes ahnen. Aber irgendwie gehört Paul für die Leute des Viertels und die Besucher zur Kirchentreppe, wie eine Statue die man dort aufgestellt hat. Die meisten Menschen beachten ihn kaum, oder wenden sich verachtend von ihm ab. Doch diejenigen, die ihn wahrnehmen, fragen sich, wie lange er wohl noch durchhält?

Nur der Pfarrer und seine Gemeindereferentin kümmern sich hin und wieder um ihn. Vor allem Schwester Petra, die junge Steyler Missionarin, kommt jeden Tag zu ihm. Er freut sich über ihre Besuche, bei denen sie ihm auch immer etwas zu Essen mitbringt. Aber selbst der Schwester ist es nicht gelungen, Paul von der Straße zu holen. Er will nicht einmal ins Pfarrhaus mitkommen, um dort zu essen und sich ein wenig zu waschen.

Jeden Abend, wenn es dunkel wird und ihn keiner bemerkt, schlüpft Paul in die dunkle leere Kirche. Dann setzt er sich auf die erste Bank, direkt vor den Tabernakel. Dort sitzt er schweigend und bewegungslos, oft über eine Stunde, bevor er aufsteht und durch den Mittelgang schlurfend durch das Hauptportal in der Dunkelheit verschwindet. Wohin weiß keiner, aber am nächsten Morgen sitzt er wieder vor dem Portal der Kirche.

Und so vergehen die Tage bei Sonne, Wind und Wetter. Schwester Petra fragte ihn in der Adventszeit: „Paul, was machst du denn jeden Abend, wenn du in die Kirche gehst. Was machst du denn dort in oft über einer Stunde? Betest Du?“

„Nein!“ antwortet Paul, „wie sollte ich denn beten können! Seit der Zeit, als ich noch ein kleiner Junge war und den Religionsunterricht besucht habe, habe ich alle Gebete vergessen. Ich kann keines mehr! Was ich da mache? Das ist ganz einfach:

Ich gehe zum Tabernakel, dort wo Jesus ganz alleine in seinem Kästchen ist und sage zu ihm:

Ich bin’s, Paul! Ich komme um DICH zu besuchen. Und dann bleibe ich eine Weile da, damit jemand bei ihm ist.

Am Morgen des Heiligen Abend bleibt der Platz, an dem Paul so viele Jahre immer gesessen hat, leer. Als Schwester Petra es bemerkte, machte sie sich sofort auf die Suche nach ihm. Nach einigem Hin und Her findet sie ihn im nahe gelegenen Krankenhaus und erfuhr, daß ihn am Morgen einige Passanten bewußtlos unter einer Brücke fanden, den Notarzt alarmierten und jetzt liegt er auf der Intensiv-Station im Krankenhaus.

Als ihn Schwester Petra an viele Schläuche und Leitungen angeschlossen so daliegen sah, erschrak sie sichtlich gerührt. Er sah aus wie ein Sterbender. Sein Atem war flach und schwer und seine Gesichtsfarbe grau, wie die eines Toten. Da erschrak sie durch die Stimme eines Arztes und erwachte aus ihren mitfühlenden Gedanken, geweckt durch die Frage: „ Sind sie eine Angehörige?“ “Nein, aber ich werde mich um ihn kümmern“, gab sie spontan zur Antwort. Der Arzt schüttelt betrübt den Kopf und gab ihr zu verstehen: „Da gibt es nicht mehr viel zu kümmern. Er liegt im Sterben.“

Schwester Petra setzt sich an sein Bett und ergreift seine Hand um eine Weile still bei ihm zu beten. Dann geht sie betrübt zurück ins Pfarrhaus, um am nächsten Tag, dem hohen Weihnachtsfest, wieder zu kommen, gefaßt auf die traurige Nachricht, die zu erwarten war.

Aber nein, was ist denn das? Sie traut ihren Augen nicht. Paul sitzt aufrecht und frisch rasiert in seinem Bett. Mit wachen Augen und einem lebendigen Blick schaut er die hereinkommende Schwester freudig an. Ein für sie unerklärlicher Ausdruck eines unbeschreiblichen Glücks strahlt aus seinem vor Freude leuchtenden Gesicht.

Schwester Petra kann es nicht glauben: Ist das wirklich der Mann, der noch gestern mit dem Tode rang? Wie unbewußt und ohne Absicht sprach sie ihn an: „Paul, das ist ja unglaublich. Du bist ja wie auferstanden. Du bist ja gar nicht wieder zu erkennen. Was ist nur mit Dir passiert?

„Na ja“ sagte er unbeholfen, aber mit kräftiger Stimme: „Es war gestern abend, kurz nachdem du gegangen bist. Da ging es mir gar nicht gut. Und dann habe ich plötzlich jemand hier am Fußende von meinem Bett stehen sehen. Er war schön, so unbeschreiblich schön. …Das kannst du dir gar nicht vorstellen! So schön war er. Er lächelte mich an und sagte:

Paul! Ich bin’s, Jesus!

Ich komme dich zu besuchen.“

Paul hat seit diesem Tag keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Schwester Petra hat ihm mit Genehmigung des Pfarrers im Pfarrhaus ein kleines Zimmer eingerichtet und ihm eine Stelle als Gärtner besorgt.

Seit es an diesem Tag in seinem Leben Weihnachten geworden ist, hat sich sein Leben komplett geändert. Schnell wurde es bekannt und er fand viele neue Freunde in der Gemeinde und er hilft immer, wenn er kann, Schwester Petra bei ihrer Arbeit.

Aber eines ist für ihn geblieben wie vorher: Wenn es dunkel wird, schlüpft er in die Kirche, setzt sich vor den Tabernakel und sagt:

„Jesus, ich bin’s, Paul!

Ich komme, um dich zu besuchen.

Und so wurde der Hohe Besuch unter den Menschen Wirklichkeit und fordert uns auf, es Paul gleich zu tun. Es sind nicht die langen und endlosen Gebete, die der Herr von uns fordert, sondern die Nähe und Liebe zu IHM, der in jedem Tabernakel auf unseren Besuch wartet. Wie Er darauf antwortet, haben wir an dieser Geschichte erfahren, ohne daß wir daraus ein Anrecht ableiten dürfen. Aber es soll jedem von uns zu einer Sehnsucht werden, seine Nähe in seiner sakramentalen Gegenwart, so oft wir nur können, zu suchen.

Das ist mein und auch SEIN Geschenk für Euch zu Weihnachten, denn er hat als einer von uns mitten unter uns gelebt.

Gelobt sei JESUS CHRISTUS! Amen.